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Großer Zupfenstreich

 

Seit 15 Jahren versammelt Uschi Laar die besten Harfenisten der Welt zu einem Festival am Schliersee

 

 

 

 

Wurstdicke Männerfinger, die auf stramm gespannte Saiten „schlagen“. Uschi Laars erste Erinnerung an das Instrument ihres Lebens, die Harfe, ist sicher nicht das, was die meisten Menschen damit verbinden. Als kleines Mädchen war sie oft mir der Familie wandern. Oben in den Bergen, auf den Tiroler Hütten, habe sie vor allem das Harfenspiel fasziniert; die derben Pranken, die so zarte Töne aus dem uralten Zupfgerät herauslocken konnten. Mit zehn Jahren kaufte ihr der Vater das erste eigene Instrument. Heute, 35 Jahre später hat die Musikerin Tausende von Konzerten in der ganzen Welt gegeben, sie hat preisgekrönte Stücke komponiert und sieben Lehrbücher veröffentlicht. Außerdem leitet sie seit 1993 das „Süddeutsche Harfenfestival“, das diesen Mittwoch beginnt und mit 140 Teilnehmern so groß ist wie nie.

 

Ziel ihres Festivals sei es, Menschen zusammen zu bringen, erklärt Uschi Laar. Neben den „Keltischen Tagen“ am Bodensee und Harfenfestivals in Weil am Rhein und Lauterberg zählt ihre Veranstaltung am Schliersee südöstlich von München zu den wichtigsten in Deutschland. Janet Harbison ist heuer dabei, „Irlands kreuzfahrende Harfenistin“. Auch der Bassist Dino Contenti, der weltweit Meisterklassen abhält, und Park Stickney, Professor für Jazzharfe an der Royal Academy of Music in London. Sie alle kommen nach Bayern, um zusammen Musik zu machen und zu unterrichten.

 

Spielen, tanzen, feiern

Wer als Schüler am Festival teilnimmt, kann zwischen verschiedenen Spielarten wählen. Die bodenständige Tiroler Volksharfe ist im Angebot, die irische Harfe natürlich, außerdem alte Musik, mediterranes, jazziges und orientalisches Spiel. Zwischen den Übungsstunden und Konzerten wird getanzt, gemalt und gefeiert. „Hier sind schon viele Ehen entstanden“, erzählt Uschi Laar und grinst. „ein paar Kinder sicher auch."

 

Ihren eigenen Stil beschreibt die Musikerin als Mischung aus europäischer Klassik, Jazz, südamerikanischen Rhythmen und orientalischem Spiel. Neben ihrem Festival gibt sie Konzerte, zu denen sie ihre 30 000 Euro  Konzertharfe in einem Transporter selbst hin und her fährt. Jetzt, da ihre Tochter  aus dem Haus sei, könne sie wieder öfter spielen. Auch deshalb sucht Uschi Laar zurzeit jemanden, der die Organisation des Festivals übernimmt.

     Seit ein paar Jahren bietet die Harfenistin neben dem Unterricht auch musiktherapeutische Sitzungen an. Auf ihrem „Klangbett“, einer ein Meter breiten Liege, unter der in Hohlkörper mit sechzig Saiten angebracht ist, „können auch mal Tränen fließen" Klingt esoterisch, ist nach einem Selbsttest, bei dem die butterweichen Töne durch den Körper summen, aber gar nicht so unwahrscheinlich. Selbst der Fotograf schaut nach einem Probeliegen entrückt durch die Linse.

 

Harfen sind seltsame Instrumente. Zum einen der wuchtige Resonanzkörper aus Säule, Hals und Korpus, bis zu zwei Meter hoch und so schwer wie viele der Musikerinnen, die ihn mit Hornhaut an den Fingern und Rückenschmerzen bearbeiten. Zum anderen die eigentümlichen zarten Töne, von denen schon in der Bibel steht, sie könnten die Morgenröte wecken.

     Dennoch erlebt das Instrument zurzeit einen Boom. „Die Harfenklassen an den Musikschulen sind voll“, schwärmt Monika Wischnowski, Vorsitzende des Verbandes der Harfenisten. Oft gebe es Wartelisten. Ein Grund ist ihrer Meinung nach die Liebe der Deutschen zur irischen Musik, in der die Harfe traditionell eine große Rolle spielt. Für Interessierte mit wenig Geld bäten mehrere Instrumentenbauer inzwischen Leasingverträge an. Wischnowski freut besonders, dass immer mehr Jungs zu dem großen Zupfinstrument griffen. Die Harfe: feminin? „Unsinn! Denken Sie an Orpheus, König David, alles Harfenspieler."

 

Für Uschi Laar ist es vor allem der Stilmix, der das Instrument so reizvoll macht. Als Kind musste sie täglich üben, dazu kam drei Mal pro Woche Hausmusik mit der Familie; Vater an der Gitarre, Mutter am Hackbrett. Schön sei das gewesen, aber einengend. Eigene Kompositionen? Jazz? Keine Chance Noch als Teenager zieht sie zuhause aus und greift zur Gitarre.

     Die Liebe zur Harfe kommt erst zurück, als sie eingeladen wird, mit Dario Domingues durch Europa zu touren. „Totjung“ sei sie gewesen, erinnert sich Uschi Laar bei einem Stück Apfelkuchen in ihrer Wohnung. Aber nach einem halben Jahr Chaos, Lampenfieber und Improvisation sei sie „bühnenfest“ gewesen. Es folgen lange Reisen nach Indien etwa, wo sie lernt, wie die Harfe die „Energiezentren“ des Körpers berührt. An der Wand ihres Musikzimmers hängt ein Bild der Göttin Saraswati, die für Musik zuständig ist. Vielleicht kann sie bei der Suche nach einem Festival-Nachfolger helfen.

 

Von Marc Felix Serrao